Was glauben Mennoniten?


Die theologische Ausrichtung

Die theologische Ausrichtung der Mennoniten folgt in den grundlegenden Teilen der reformatorischen Tradition. Sie teilt mit den anderen Kirchen der Reformation die in den Exklusivpartikeln enthaltenen Überzeugungen und wird daher als evangelische Freikirche bezeichnet:

Sola Scriptura: die Schriften des alten und neuen Testaments sind alleinige Richtschnur für den Glauben und für die Gestaltung eines Lebens in der Nachfolge Jesu.

Solus Christus: allein durch Christus ist Gottes Heil den Menschen offenbart, durch sein Leben, Sterben und Auferstehen können die Menschen sich als vor Gott gerechtfertigte erkennen und ihre Lebensgestaltung dementsprechend ausrichten.

Sola Gratia: dies geschieht durch die gnädige Zuwendung Gottes zu seinen Menschen, ist nicht ein Verdienst, den sich die Menschen durch irgendwelche Handlungen erworben hätten.

Sola Fide: im Glauben allein ist dies zu erkennen und anzunehmen.

Dennoch finden Christologie, Ekklesiologie und Ethik einen besonders akzentuierten Begründungszusammenhang, der die Mennoniten von anderen Kirchen der Reformation unterscheidet. Das Versöhnungsgeschehen in Christus ist der Akt der Feindesliebe Gottes (Röm 5,8.10), das Kreuz wird zum Zeichen der Gewaltfreiheit Gottes. Hierin erkennt die versöhnte Gemeinde ihren Auftrag zur Nachfolge auf dem gewaltfreien Weg Jesu, den sie nicht „imitieren“ kann, im Sinne der Vollkommenheit, aber an dem sie teil hat. Der Glaube an die vergebende und zuwendende Liebe Gottes befreit die Gemeinde, diese Ethik zu leben. Das daraus resultierende Ethos der Gewaltfreiheit brachte den Mennoniten im 20. Jahrhundert auch die Bezeichnung „Historische Friedenskirche“ ein.

Die Gestalt der Kirche

Um der Glaubwürdigkeit der christlichen Botschaft willen hat dies Konsequenzen für die Gestaltung der Kirche: Sie ist eine Gemeinschaft jener, die in der Erwachsenentaufe ihren freiwilligen Willen zur Nachfolge bekennen, antwortend auf die vorauslaufende Gnade Gottes. Durch die Taufe auf den Namen des dreieinigen Gottes werden sie Teil einer Ortsgemeinde und der weltweiten Kirche Christi. In der Feier des Abendmahls wird die Gemeinde durch die Zeichen von Brot und Wein an das Werk Christ erinnert und vergewissert sich so der Gemeinschaft mit Christus und untereinander.

Die Bibel wird von der Gemeinde als einer „hermeneutischen Gemeinschaft“ ausgelegt, in der jede/r mit seinen und ihren Gaben dient. Aus diesem „Priestertums aller Gläubigen“ ergibt sich eine Ablehnung kirchlicher Ämterhierarchien, sowie eine kongregationalistische Struktur, d.h. eine weitestgehende Autonomie der Ortsgemeinde. Eine klare Trennung von Kirche und Staat wird befürwortet. Auch die traditionelle Eidesverweigerung (um nicht Bindungen einzugehen, die in Konkurrenz zum Bekenntnis stehen und zum Zeichen der Wahrhaftigkeit in jeder Situation) ist in diesem Kontext zu verstehen.

Einheit in Verschiedenheit

Die übergroße Vielfalt von Ausprägungen unter Mennonitengemeinden wird aufgrund dieser Überzeugungen erklärbar. In jeder Generation und in jedem Kontext ist - anhand der biblischen Zeugnisse - neu danach zu fragen, was Glaube und Nachfolge bedeuten. Daher sind Mennoniten auch stark durch den jeweiligen geistesgeschichtlichen und kulturellen Kontext geprägt. Einflüsse durch Pietismus und Fundamentalismus (Nordamerika) lassen sich in verschiedenen Gruppierungen ausmachen. In anderen Teilen hat ein liberales Denken starke Spuren hinterlassen.

Was Mennoniten untereinander verbindet, ist die gemeinsame Geschichte einer Konfession, die immer schon Ethik und Ekklesiologie eng aneinander band. Sie blieben mit dieser Gestaltung von Kirche eine Minderheit. Während ihre Geschichte in den Anfängen stark durch die Verfolgung durch staatliche wie kirchliche Autoritäten geprägt war, die in Teilen zu schroffen Abgrenzungen führte, so gelten Mennoniten heute als Teil der weltweiten ökumenischen Gemeinschaft - auch in ihrem Selbstverständnis.

Autor: Fernando Enns, Dr. theol., Inhaber der Stiftungsdozentur und Leiter der Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen, Fachbereich Ev. Theologie, Universität Hamburg,  stellv. Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland

(c) Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland K.d.ö.R. (AMG) | Kontakt | Impressum