Mennoniten in Süddeutschland seit 1945


Paxboys bei der Arbeit
Gemeindehauseinweihung in Backnang 1951

Das Bild der Mennoniten in Süddeutschland hat sich nach dem 2. Weltkrieg in mancher Hinsicht stark verändert; dies macht schon der Blick auf die Zahlen deutlich.

Durch den Zuzug von etwa 1.000 Flüchtlingen (700 in die Pfalz, 300 nach Baden-Württemberg) stieg die Zahl der süddeutschen Mennoniten, die 1940 bei etwa 3000 Gliedern in 35 Gemeinden gelegen hatte,  auf über 4000 Gliedern in 33 Gemeinden an. Heute (2004) gibt es in Süddeutschland mindestens 60 Mennonitengemeinden unterschiedlicher Größe (die kleinste Gemeinde zählt 12 Glieder, die größte 343) und Herkunft.  Etwa 30 neue Gemeinden sind entstanden, Für diese Neugründungen sind die Evangelisation der Mennoniten Brüdergemeinden (9 Gemeinden/ 400 Glieder), des Agape Gemeindewerks-Mennonitische Heimatmission (6 Gemeinden, 260 Glieder; dazu kommen Neugründungen , die durch die eingesessenen Mennoniten veranlasst wurden und  Gemeinden, die keiner Konferenz zuzurechnen sind.

Das Ende des 2.Weltkrieges traf die Mennoniten links und rechts des Rheines, die überwiegend Nachfahren der „Schweizer Brüder“ waren, in einer verhältnismäßig guten Verfassung an: Ihre Gemeinden hatten weitgehend überlebt, wenn auch viele Versammlungshäuser, vor allem in den Städten, in Trümmern lagen. Allerdings waren sie durch die Zonengrenze von einander getrennt. Deshalb war es in den ersten Jahren nach dem Kriege schwierig von der amerikanischen in die französische Zone zu gelangen.

Ab 1950 (bis 1956) wurde im württembergischen Backnang mit Hilfe des MCC eine mennonitische Siedlung für Flüchtlingen aus Westpreußen,  Galizien und Rußland errichtet, die sich nicht nur vom Herkommen, sondern auch von der Mentalität der „Verbands“-Mennoniten , überwiegend Nachfahren der „Schweizer Brüder“, unterschieden. Auch in  pfälzischen Enkenbach wurde mit Hilfe des MCC eine Siedlung für westpreußische Flüchtlinge erbaut (1953-1956). Beide Siedlungen wurden zu Zentren neuer, blühender Gemeinden. Die an Größe und Lebendigkeit die eingesessenen Nachbargemeinden übertreffen.

Die Mennoniten in Süddeutschland waren in zwei Konferenzen organisiert. Die linksrheinischen Pfälzer (mit zwei Ausnahmen) in der pfälzisch-hessischen Konferenz (heute Arbeitsgemeinschaft südwestdeutscher Mennonitengemeinden (ASM) und im Verband badisch, württembergisch, bayrischer Mennonitengemeinden. (Heute Verband deutscher Mennonitengemeinden, VdM) Diese Struktur hatte sich im 19. Jahrhundert entwickelt, als die Pfälzer anfingen Prediger, die nicht aus ihrer Mitte kamen, für allsonntägliche Gottesdienste und eine erweiterte Gemeindearbeit anzustellen und feste Gemeindehäuser zu bauen. Dies war möglich, weil die meisten Gemeinden in der Pfalz  größer waren als die ihrer Geschwister jenseits des Rheins und sie näher beieinander wohnten. Die rechtsrheinischen Mennoniten, die zum Teil auf Pfälzer Einwanderer zurückgingen, waren überwiegend Pächter auf Einzelhöfen. Weil sie weit verstreut wohnten („Fahrgemeinden“) trafen sie sich in der Regel nur 14tägig zum Gottesdienst; sie waren konservativer als die aufgeschlosseneren Pfälzer und hielten an der Laienpredigt bis in die 1980iger Jahre fest. Da beide Seiten durch die strukturelle Trennung beschwert waren, hatten sie 1887 die Konferenz süddeutscher Mennoniten (heute. Konferenz süddeutscher Mennonitengemeinden) KSM gegründet. Sie sollte gemeinsame Anliegen wie Jugendarbeit, Gesangbuch. Jahrbuch, Mission und gemeinsame Veranstaltungen fördern. 

Trotzdem lassen sich auch hier Unterschiede feststellen, die durch verschiedenen Ausgangspunkte bedingt wurden. Während in der Pfalz weitgehend sonntäglich Gottesdienst von angestellten Predigern gehalten wurde, trafen sich die Verbandsmennoniten, die weit verstreut wohnten, zunächst noch meistens vierzehntägig und wurden von Laienpredigern bedient. Seit den 1970iger Jahren trat hier ein Wandel ein: Prediger, die zumeist eine Bibelschulausbildung hatten, wurden angestellt und wöchentliche Gottesdienste gefeiert. Viele Gemeinden bauten oder kauften neue Gemeindehäuser und wurden damit einem ererbten Grundsatz untreu, nach dem eine Gemeinde Christi kein Eigentum haben sollte. In den meisten Gemeinden bildeten sich z.B. neben den Jugendgruppen, besondere Kreise mit Senioren oder Friedensaktivisten..

Das Gesicht der eingesessenen Mennoniten war nach 1945 noch bäuerlich geprägt, die Pfälzer überwiegend Eigentümer auf kleinen Höfen mit Sonderkulturen, die rechtsrheinischen waren eher Unternehmer in der Landwirtschaft auf großen Pachthöfen, zum Teil mit großer Viehhaltung. Diese Struktur hat sich in den letzten 20 Jahren weitgehend aufgelöst. Die Gründe sind im Niedergang der Landwirtschaft, der Zunahme von Dienstleistungsberufen und einer besseren Schulausbildung ebenso zu suchen, wie in der Unfähigkeit der Gemeinden unter ihren Gliedern Prediger zu rekrutieren. Hoben sich die Mennoniten in früheren Generationen in vielen Einzelheiten von ihrer Umgebung deutlich ab, so haben sie inzwischen im Gleichklang mit der sie umgebenden Gesellschaft entwickelt. Ausdruck dieser Tendenz sind die vielen gemischtkonfesionellen Ehen oder die steigende Zahl von Jugendlichen, die sich zur Gemeinde halten, auch wenn sie sich nicht haben taufen lassen. Nach Gründung der AMG verlor die KSM fast alle Aufgaben, sie widmet sich heute der Jugendarbeit in VdM und ASM.

Die Strukturen von ASM und Verband sind synodal geordnet: die Gemeinden benennen Delegierte, die auf Sitzungen über die anliegenden Problemen beraten und Lösungsmöglichkeiten dafür vorschlagen. Jede Gemeinde entscheidet dann selbständig darüber, ob sie den erarbeiteten Empfehlungen folgen will. Die beiden Konferenzen werden von mehrköpfigen Vorständen geleitet; im Verband ist ein „theologischer Mitarbeiter“ als Geschäftsführer tätig. Beide Konferenzen sind für die Heimat-Mission aufgeschlossen, unterhalten Missionstationen oder sind im Gemeindeaufbau tätig.

Dieter Götz Lichdi

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